Nationalbank fordert: Schluss mit Jagd auf UBS
02.11.08 11:53
  

Nationalbank fordert: Schluss mit Jagd auf UBS

Es sei «absurd», wenn die staatlichen Kantonalbanken der mit Steuergeldern geretteten UBS Kunden abjage. Nationalbank-Vize Philipp Hildebrand geisselt das «destabilisierende Verhalten».

«Es kann doch nicht sein, dass Bund und Nationalbank dem Schweizer Finanzplatz mit Milliarden unter die Arme greifen und die Kantone über ihre Banken das Gegenteil bewirken», sagt Hildebrand. Ihn ärgert, dass die Kantonalbanken ihre Staatsgarantie an die grosse Glocke hängen, damit der UBS verunsicherte Kunden abspenstig machen und der UBS zudem Kredite verweigern: «Das ist aus Sicht des Steuerzahlers absurd.»

Hildebrand spricht sogar von «destabilisierendem Verhalten». Dieses habe nicht nur gravierende Auswirkungen auf die kriselnde Grossbank, sondern hindere die Nationalbank auch daran, die Konjunktur zu beleben und den hohen Frankenkurs zu bekämpfen.

Hildebrand: «Hier braucht es ein Umdenken. Gefordert sind besonders die Kantonalbanken, die über hohe Liquidität verfügen.» Sonst sei die Nationalbank praktisch handlungsunfähig. «Im Interbankenmarkt horten die Kantonalbanken ihr Geld und erschweren damit die Geldpolitik der Nationalbank», sagt Hildebrand. Das müsse nun dringend ändern.

Der Nationalbank-Vizepräsident regt einen Ehrenkodex zur Rettung des Finanzplatzes an. «Der würde besagen, dass man destabilisierendes Verhalten unterlässt und erstens unter den Banken wieder Geld ausleiht und zweitens bei der Abwerbung von Kunden Zurückhaltung übt.»

Thomas Sutter von der Bankiervereinigung pflichtet Hildebrand bei: «Jetzt geht es darum, als Finanzplatz gemeinsam Stärke zu zeigen. Alle Banken sind daher aufgefordert, Vertrauen ins System zurückzubringen.»

Die Basler Kantonalbank setzte diese Woche ihre aggressive Neukundenwerbung aus, bei der ZKB stoppt die Geschäftsleitung ihre Verkäufer. Einzig vom Verband der Kantonalbanken kommt Widerstand. Direktor Hanspeter Hess: «Was, wenn eine Kantonalbank mit Staatsgarantie der UBS stark hilft, und es ginge schief? Die Empörung der Steuerzahler wäre berechtigt.»

Das gesamte Interview des «Sonntags» mit Nationalbank-Direktor Philipp Hildebrand (27. Okt. 2008):

«Sonntag»: Herr Hildebrand, die Börse macht täglich Riesensprünge nach unten oder nach oben. Wann kommt wieder Ruhe ins internationale Finanzsystem?

Was wir sehen ist eine neue Phase der Finanzkrise. Nun geht es nicht mehr nur um den Bankensektor, sondern vermehrt auch um die Angst vor einer Rezession.

Die Krise wird also relevant für die Allgemeinheit?

Ja. Wir stehen vor einem weltweiten deutlichen Konjunkturabschwung und die Börse stabilisiert sich dann, wenn die Händler glauben, dass die Aktienkurse dies korrekt abbilden.

Wie schlimm wird der Konjunkturabschwung?

Die globalen Konjunkturaussichten haben sich massiv verschlechtert. Wir sehen eine globale und synchrone Wachstumsabschwächung, gepaart mit einer weltweiten Kreditkrise. Die Theorie der Abkopplung der Wachstumsländer Asiens und Südamerikas ist eine unerfüllte Hoffnung.

Gibt es in der Schweiz eine Rezession?

Wir sind eine kleine offene Volkswirtschaft und können uns somit dem weltweiten Trend nicht entziehen. Die Frage ist nur: Wie stark wird es uns treffen? Immerhin geht unsere Wirtschaft robust in die Krise. Wir haben eine tiefe Arbeitslosigkeit, grundsätzlich gesunde Staatsfinanzen und eine wettbewerbsfähige Exportindustrie.

Nun haben wir aber den Euro auf Rekordtief.

Der Euro ist in der Tat sehr rasch gesunken. Generell sind die Devisenmärkte von sehr hoher Volatilität geprägt. Je nach weiterer Entwicklung kann der Wechselkurs unsere Wirtschaft zusätzlich belasten.

Müsste die Nationalbank nicht die Zinsen senken, um den Franken zu schwächen und den Konjunktur-Rückgang erträglicher zu machen?

Das ist im Moment sehr schwierig. Unsere absolute Priorität der nächsten Tage und Wochen ist es, unseren Leitzins, den Interbankensatz Dreimonats-Libor dorthin zu bewegen, wo wir ihn aus heutiger Sicht haben wollen, also in die Mitte des Zielbandes auf 2,5 Prozent. Er ist zwar in den letzten Tagen gesunken, liegt aber immer noch über diesem Wert.

Warum gelingt das im Moment nicht, trotz international konzertierter Zinssenkung?

Weil die Banken untereinander sehr misstrauisch sind und das Geld, das sie nicht brauchen, lieber horten als es einer anderen Bank auszuleihen. Hier braucht es zuerst ein Umdenken. Gefordert sind besonders die mit einer Staatsgarantie ausgestatteten Kantonalbanken, die im aktuellen Umfeld über sehr hohe Liquidität verfügen.

Was meinen Sie damit?

Auf Bundesebene wurde zusammen mit der EBK und der Nationalbank ein Massnahmenpaket beschlossen, um das Finanzsystem zu stabilisieren und zu stärken, und im Interbankenmarkt horten die Kantonalbanken ihr Geld und erschweren damit die Geldpolitik der Nationalbank.

Einige Kantonalbanken werben mit ihrer Staatsgarantie aggressiv um neue Kunden. Etwa die Basler Kantonalbank. Die wirbt sogar mit der Tatsache, dass sie Agentur der Nationalbank ist. Zudem bietet sie neuen Kunden einen Einkaufsgutschein von 100 Franken.

Ich kenne diesen Fall nicht und werde mich in der Öffentlichkeit auch nicht zu einzelnen Fällen äussern. Aber ein solches Verhalten wäre inakzeptabel. Es kann doch nicht sein, dass Bund und Nationalbank dem Schweizer Finanzplatz mit Milliarden unter die Arme greifen und die Kantone über ihre Banken das Gegenteil bewirken. Das ist aus Sicht des Steuerzahlers absurd, der letztlich auf beiden Seiten involviert ist.

Und wie wollen Sie das ändern? Greifen Sie zum Telefon und rufen die Kantonalbankchefs an?

Das wäre eine Möglichkeit. Eine andere aber ist, dass die Kantonalbanken und möglicherweise weitere Banken sich zu einer Art Ehrenkodex im Interesse des gesamten Finanzplatzes verpflichten. Der würde besagen, dass man destabilisierendes Verhalten unterlässt und erstens unter den Banken wieder Geld ausleiht und zweitens bei der Abwerbung von Kunden Zurückhaltung übt. In Notzeiten müssen alle am selben Strick ziehen.

Wer soll denn so einen Ehrenkodex aushandeln: Sie?

Wir könnten unsere guten Dienste anbieten. Aber es gibt genügend Gremien, etwa die Bankiervereinigung oder der Kantonalbankenverband, die ihre Verantwortung wahrnehmen müssten.

Kann die Nationalbank eigentlich das Massnahmenpaket stemmen? Sie blasen Ihre Bilanz um 64 Milliarden auf, indem Sie fast Ihr ganzes Eigenkapital in fragwürdige Derivate auf den US-Immobilienmarkt stecken.

Erstens handelt es sich um ein diversifiziertes Portfolio, das wir über Monate analysiert haben. Zweitens gibt es in der Zweckgesellschaft eine von der UBS eingebrachte Eigenmitteltranche, die die ersten 10% von allfälligen weiteren Verlusten absorbieren würde.

Drittens hat die Nationalbank im Falle eines letztlichen Verlustes der Zweckgesellschaft ein Anrecht auf bis zu 100 Millionen UBS-Aktien. Schliesslich haben wir im Unterschied zu einem privaten Unternehmen Zeit. Wie SNB-Präsident Roth an der Pressekonferenz festhielt: Wir sind hier für die Ewigkeit.

Was passiert, wenn das Massnahmenpaket des Bundes nicht reicht?

Der Bundesrat hat sich klar geäussert: Im Bedarfsfall ist er bereit, zusätzliche Massnahmen zu ergreifen. Er hat darauf hingewiesen, dass Garantien im Interbankenmarkt im Vordergrund stehen. Wir haben bisher keine Anzeichen, dass die Schweizer Banken im globalen Interbankenmarkt diskriminiert werden.

Kann die UBS selbstständig bleiben?

Diese Frage müssen Sie der UBS stellen.

Wie stabil ist die UBS jetzt?

Die Situation hat sich etwas verbessert. Doch die Massnahmen müssen noch mehr greifen. Das braucht seine Zeit. Wichtig ist, dass sich der Interbankenmarkt weiter stabilisiert.

Das Vertrauen in die UBS-Führung ist erschüttert. Sie hat immer wieder das Ende der Krise und Probleme beschworen. Braucht es neue Leute?

Der Vertrauensschwund, der nicht abgestritten werden kann, muss so vehement wie möglich adressiert werden. Gerade weil der Staat eingreift, ist es wichtig, dass nicht nur der Staat handelt, sondern die oberste UBS-Führung selber die Vertrauensproblematik vollumfänglich und auf allen Fronten angeht: Mit den Kunden, mit den Schweizer Bürgern, und auch mit der Politik.

Wie?

Indem sie bescheiden und ehrlich auftritt, die Probleme nicht schönredet, sondern die Lage klar darstellt. Und vor allem eine klare Strategie hat und darlegt, wie man sie umsetzen will.

UBS-Präsident Peter Kurer steht in der Kritik, seine Aktionäre belogen zu haben, als er an der Generalversammlung Anfang Oktober verkündete, das Schlimmste sei vorüber. Dabei verhandelte er gleichzeitig mit Ihnen, der EBK und dem Bundesrat über den Rettungsplan.

Was passiert ist, ist passiert. Wichtig scheint mir, das Vertrauensmanko zu beheben. Die UBS hat sich in der Vergangenheit nicht immer intensiv genug um das Vertrauen der Kunden und Bürger gekümmert. Dafür erhält sie die Quittung.

Ist die UBS heute genug kapitalisiert?

Unsere beiden Grossbanken stehen im internationalen Vergleich sehr weit vorne, was das risikogewichtete Kapital angeht, das so genannte «Tier 1»-Kapital. Doch sie haben ähnlich wie die Deutsche Bank eine sehr grosse Bilanz.

Gemessen am Verhältnis des Eigenkapitals zur Gesamtbilanz stehen sie eher in der unteren Hälfte des Tableaus. Wichtig ist, dass beide Grossbanken akzeptiert haben, dass sie in den nächsten Jahren in Richtung der neuen Regulierung gehen müssen.

Sie stellten als Erster die Boni an den Pranger und forderten mehr Eigenmittel bei den Banken. Das förderte bestimmt nicht Ihre Beliebtheit bei den Banken.

Der ehemalige Nationalbankdirektor Fritz Leutwiler sagte einmal sinngemäss: Wenn ein Notenbanker beliebt ist, dann macht er etwas falsch.

Doch es brauchte viel Autorität, um ihren Anliegen zum Durchbruch zu verhelfen. Fehlt diese der direkten Bankenaufsicht, der Eidgenössischen Bankenkommission?

Ich bin nicht sicher, ob die Behörden weltweit die Kraft gehabt hätten, sich durchzusetzen, wenn sich die Finanzmärkte nicht immer mehr zum Schlechteren entwickelt hätten. Mittlerweile ist es akzeptiert, dass das Bankensystem unterkapitalisiert war, und dass dies korrigiert werden muss. Mehr Kapital passt im Übrigen auch bestens zum Geschäftsmodell in der Schweiz, das primär auf die Vermögensverwaltung abgestützt ist.

Sie schreiben den Banken damit indirekt das Geschäftsmodell vor.

Nein, wir sagen bloss, was die wahrscheinlichen Folgen der Krise sind. Was nicht akzeptabel ist, ist dass die Banken die Franchise der Vermögensverwaltung, den Grundpfeiler des Schweizer Finanzsystems, unterminieren durch Risiken in gewissen Bereichen des Investmentbankings. Dieses Modell hat sich diskreditiert. Das haben die Banken mittlerweile selber erkannt.

Nochmals: Hat die Bankenaufsicht geschlafen?

Dass die Banken mehr Kapital brauchen, wird heute niemand mehr bestreiten. Doch die Politik ist wahrscheinlich gut beraten, bei der Ausgestaltung der zukünftigen Regulierungsbehörde nochmals über die Bücher zu gehen. Die EBK, die künftig Finma heisst, muss die notwendigen Ressourcen haben und hart sein können. Sie muss die Legitimität haben, im Notfall den Grossbanken die Stirn zu bieten.

Die Banken hatten nie ein Interesse an einer starken EBK.

Wenn es eine Erkenntnis aus der Finanzkrise gibt, dann die: Die Deregulierung hat ihre Grenzen. Auch ein freier Markt kann nur funktionieren wenn die Grundregeln befolgt werden. Und wenn nicht, braucht es glaubwürdige Behörden, die eingreifen.

Dürfen sich Boni künftig noch nach der Eigenmittelrendite bemessen?

Für mich ist diese sicher kein valabler Referenzpunkt. Es braucht zwei einfache Prinzipien. Erstens: Boni dürfen abhängig sein vom Gewinn. Doch sie müssen sich zugleich nach den eingegangenen Risiken bemessen. Eine reine Umsatzbeteiligung kommt daher nicht infrage.

Das zweite Prinzip ist die Langfristigkeit. Die profitgetriebenen Lohnkomponenten dürfen nicht sofort zum Manager gehen, sondern müssen zu grossen Teilen in der Firma bleiben. Sie bleiben dort über mehrere Jahre. So werden die Manager tangiert, wenn die Firma Verluste einfährt, weil exzessive Risiken eingegangen wurden.

Sie stören sich also nicht an der absoluten Höhe der Boni?

Das ist die dritte Komponente: Es braucht ein Sensorium für die Kultur einer Gesellschaft, was als anständig gilt und was nicht.

Wo liegt die Grenz zur Unanständigkeit?

Es wäre nicht gut, wenn ich jetzt in diesem aufgeladenen Spannungsfeld eine Zahl nenne. Aber ich glaube, wir würden hier am Tisch relativ schnell einen Konsens finden.

Sie wurden kritisiert, weil die Boni im Rettungspaket nicht geregelt sind. Hat die UBS Sie über den Tisch gezogen?

Sicher nicht. Wir haben signalisiert, dass ein Wechsel im Bonussystem zwingend notwendig ist. Doch Sie haben recht: Die Banken und die EBK sind in der Pflicht, das Vertrauen der Bevölkerung wiederherzustellen. Dabei ist klar: Diese hat kein Verständnis für die Übertreibungen, die in den letzten Jahren sanktioniert worden sind.

Brauchts die Einschränkungen auch bei der Credit Suisse?

Die Salär-Frage ist kein UBS- und kein CS-Problem. Sie ist ein globales Problem. Es betrifft aber nicht jeden Banker in der Schweiz. Es gibt viele tausend grundanständige Bankangestellte, die keine unanständigen Summen nach Hause genommen haben. Die Exzesse sind beschränkt auf wenige Geschäftsbereiche und letztlich auf einen begrenzten Kreis von Leuten.

Darf die UBS Milliarden an Boni ausschütten, jetzt da sie am Tropf des Staates hängt?

Grundsätzlich ist das problematisch. Nehmen Sie das Beispiel eines Filialleiters in einer kleinen Stadt. Er hat wahrscheinlich Enormes geleistet, um seine Kundschaft zu beruhigen und zu halten. So jemand hätte durchaus Anrecht auf einen angemessenen Bonus.

Wie viel von den 12 Milliarden Franken, die letztes Jahr ausbezahlt wurden, sollen es dieses Jahr sein?

Es gibt Handlungsbedarf. Mehr will ich dazu nicht sagen. Wir sitzen hier nicht in der Geschäftsleitung der Bank. Wir werden jetzt sehen, welche Vorschläge die UBS macht.


Artikel auf SonntagOnline.ch
Von Yves Carpy und arthur Rutishauser


 
 
Comment - Kommentar
Add NewSearchRSS
Name:
RE:

Powered by JoomlaCommentCopyright (C) 2006 Frantisek Hliva. All rights reserved.Homepage: http://cavo.co.nr/

 
< Prev   Next >