|
Drei Fragen an Jehanne de Walque, Senior Sustainability Analyst bei Dexia AM
1 Wie ist die Lage am europäischen Arbeitsmarkt?
In den EU-15-Ländern ist die Beschäftigtenzahl von 177 Millionen Ende 2008 auf 174 Millionen Ende März 2009 zurückgegangen. Lag die Arbeitslosenquote der EU-27 2008 noch unter 7 %, betrug sie im Juli 2009 bereits 9 %.1 In der EU stieg die Arbeitslosigkeit im Mai 2009 zunächst in Spanien, Irland, Estland und Lettland, später dann auch in Deutschland, Polen und der Slowakei. Da die Arbeitslosigkeit ein Spätindikator ist, also durchaus weitere Arbeitsplätze verloren gehen können, wenn sich die Konjunktur schon wieder erholt, wird sich die Beschäftigungssituation in der EU Ende 2009 und 2010 höchstwahrscheinlich noch verschlechtern.
Nach Angaben des European Restructuring Monitor (ERM) gab es im 4. Quartal 2008 589 Restrukturierungen, im 1. Quartal 2009 862 und im 2. Quartal 2009 407. Dies sind 163 %, 227 % bzw. 43 % mehr als in den ersten drei Quartalen des Jahres 2008. Allerdings hat sich die Situation im 2. Quartal 2009 gebessert.
2 Welche Sektoren und welche Arbeitsplätze waren von den Restrukturierungen und Entlassungen am meisten betroffen?
Unmittelbar betroffen von den Folgen der Krise waren der Finanzsektor und die Bauindustrie.2 Dann weitete sich die Krise auf Sektoren aus, die besonders stark unter der Kreditknappheit und der allgemeinen Vertrauenskrise litten (z. B. Autohersteller).3 Viele Unternehmen aus dem Automobilsektor hatten angesichts unerwarteter Umsatzeinbrüche keine andere Wahl, als Mitarbeiter zu entlassen.
Der Finanzsektor, die Bauindustrie, Hersteller von Automobilen, Textilien und Glaswaren (in Tschechien und Irland) sowie der Einzelhandel (insbesondere in Großbritannien) berichten von Absatzschwierigkeiten infolge einer geringen Nachfrage.4 Exportorientierte Branchen wie der Tourismus und der Rohstoffsektor leiden unter einem weltweiten Nachfragerückgang und fallenden Preisen. Die meisten Arbeitsplätze gingen bislang in der Industrie und im Bausektor verloren.
Die Restrukturierungen trafen vor allem diejenigen, für die es schon vor der Krise nicht einfach war. Für sie ist die Belastung unverhältnismäßig groß. Zunächst gingen vor allem Arbeitsplätze in typischen Männerberufen verloren (z. B. im Bau- und im Automobilsektor). Im Juni und Juli stieg die Arbeitslosenquote aber bei Männern und Frauen gleichermaßen um jeweils 0,1 Prozentpunkte. Dies zeigte, dass der Abschwung in den Branchen mit überwiegend männlichen Arbeitnehmern zu Ende ging.5 Besonders schwierig ist die Arbeitsmarktlage für junge Leute.
Je mehr Arbeitsplätze verloren gehen, desto gefährdeter sind die Jobs ausländischer Arbeitnehmer. Sie trifft es häufig am härtesten, nicht zuletzt weil sie die schwächste Verhandlungsposition haben. Bis 2007 hatten ausländische Arbeitnehmer einen Anteil von 17 % an den Beschäftigten im Euroraum; 1996 waren es noch 13 %. Arbeiter mit Zeitverträgen – oft Zuwanderer oder junge Leute – sind am stärksten gefährdet. So war die Zahl der Zeitarbeitskräfte in Spanien im 4. Quartal 2008 12,7 % niedriger als vor einem Jahr. Die Zahl der festangestellten Arbeitskräfte ist im gleichen Zeitraum um 0,8 % gestiegen.
3 Was können Unternehmen tun, um den Abbau von Arbeitsplätzen zu verhindern? Und was bringt die Zukunft?
Unternehmen können Kurzarbeit ansetzen oder ihre Mitarbeiter vorübergehend freistellen. Beispielsweise erhalten französische Unternehmen mit großen Finanzproblemen im Rahmen des chômage technique 60 % des Mindeststundenlohns vom Staat erstattet, wenn ihre Mitarbeiter „Kurzarbeit null“ machen. Dabei bekommen die Mitarbeiter ihren Lohn weiter direkt vom Arbeitgeber. Michelin hat die Ende 2008 anberaumte Kurzarbeit bis April 2009 verlängert, weil noch immer zu wenig produziert wird. Die Mitarbeiter wurden gebeten, drei Wochen im März und April zu Hause zu bleiben. Das Unternehmen ist aber verpflichtet, das Kurzarbeitergeld später an den Staat zurückzuzahlen. Allerdings kündigte Michelin im Juni 2009 Abfindungsangebote für 1 080 Mitarbeiter in den kommenden drei Jahren an.
Eine weitere Möglichkeit sind Verhandlungen, bei denen Arbeitgeber Arbeitsplatzsicherheit bieten, wenn die Arbeitnehmer auf Lohnerhöhungen verzichten oder Lohnkürzungen hinnehmen. In der Regel entscheiden sich die Arbeitnehmer für das geringste Übel. Schließlich schicken immer mehr Unternehmen ihre Mitarbeiter in eine bezahlte Auszeit. Ein Beispiel hierfür war die Banksparte von Irish Life & Permanent, die ihren Angestellten bezahlte Auszeiten von zwei oder drei Jahren anbot.
Bei unserer Analyse der Personalpolitik von Unternehmen berücksichtigen wir auch Restrukturierungen. Um festzustellen, wie Unternehmen auf Veränderungen reagieren, untersuchen wir beispielsweise die nationalen Gesetze, die Verhandlungen mit Gewerkschaften und die Betreuung der Mitarbeiter nach ihrer Entlassung (z. B. über Outplacement-Programme). Kurzfristig dürfte es in Europa nur wenige Neueinstellungen geben. Nur in Norwegen, Polen und Schweden waren für das 4. Quartal 2009 (wenige) Neueinstellungen geplant.6 Der Strukturwandel in der EU – weg von der Landwirtschaft und der Industrie und hin zum Dienstleistungssektor – setzt sich fort. Nach einer Prognose von Cedefop werden 2020 fast zwei Drittel aller Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich angesiedelt sein. Mittelfristig dürften bis 2015 die meisten Arbeitsplätze im Bereich geschäftlicher Dienstleistungen (z. B. IT, Versicherungen und Beratungsfirmen), im Gesundheits- sowie Sozialarbeitssektor, bei Anbietern privater Dienstleistungen und im Hotel- und Gastgewerbe entstehen.
Durch die Entwicklung Europas zu einer CO2-armen Wissensgesellschaft – mit einem starken Informations- und Kommunikationstechnologiesektor und fortschrittlichen Nanotechnologien – können nachhaltige Arbeitsplätze entstehen.7 Employ-RES, ein neues von der Europäischen Kommission unterstütztes Forschungsprojekt, kam zu dem Ergebnis, dass in diesen Bereichen bei einer Fortsetzung der aktuellen Beschäftigungspolitik 2020 etwa 2,3 Millionen Menschen tätig sein werden. Bei gezielten Arbeitsmarktmaßnahmen können dank der neuen Direktive zur Förderung der Nutzung nachhaltiger Energiequellen sogar 2,8 Millionen Menschen Beschäftigung finden.8
1 Eurostat. 2 ILO, The sectorial dimension of the ILO’s work, März 2009, GB.304/STM/2/2 and Escudero, forthcoming, 2009. 3 Zwei Drittel aller Autos weltweit werden auf Kredit gekauft. Allerdings hatte der Automobilsektor bereits vor der Krise mit Problemen zu kämpfen, u.a. mit dem Rückgang der Nachfrage nach Autos mit vergleichsweise hohen Gewinnmargen (was auf die hohen Benzinpreise zurückzuführen war). Auch die Verlegung einiger Produktionsstätten in Niedriglohnländer spielte eine Rolle. 4 European Restructuring Monitor, Winter 2008. 5 Europäische Kommission, Employment, Social Affairs and Equal opportunities, EU employment situation and social outlook, September 2009 6 Manpower Employment Outlook Survey, Q4 2009 7 European Commission,2009, New skills for new jobs‘ 8 European Commission, Labour Market Monitoring, Mai 2009, ‘EU employment situation and social outlook’
Quelle: Looking Ahead, Dexia AM
|