Gesundheitswesen Schweiz: Regionale Versorgung hält steigendem Kostendruck stand
24.08.10 12:13


Neue Studie der Credit Suisse zur Schweizer Gesundheitslandschaft

Zürich,  24. August 2010


Der Gesundheitssektor gehört zu den bedeutendsten Branchen der Schweizer Wirtschaft überhaupt. Eine seiner grössten Herausforderungen ist der Spagat zwischen steigendem Konzentrationsdruck und der Gewährleistung eines uneingeschränkten Zugangs zu den Gesundheitsdienstleistern.

 

In diesem Zusammenhang untersuchen die Ökonomen der Credit Suisse in ihrer neusten Studie Struktur und Wandel der Schweizer Gesundheitslandschaft. Trotz der allgemeinen Tendenz zu grösseren Betrieben haben in der Entwicklung der regionalen Versorgung nur beschränkt Konzentrations- und Spezialisierungsprozesse stattgefunden. Vielmehr ist das Netz der Gesundheitsdienstleister heute breiter über die Schweiz verteilt als noch vor zehn Jahren. Ein Ausblick auf den künftigen regionalen Versorgungsbedarf zeigt, dass die verschiedenen Regionen auch in einem stärker wettbewerbsorientierten Markt Entwicklungspotenzial haben.

Das Schweizer Gesundheitswesen ist qualitativ hochstehend, aber auch teuer. Bis Ende 2010 dürften die jährlichen Gesundheitsausgaben auf mehr als CHF 63 Mrd. angewachsen sein. Die hohen Kosten und die somit immer stärkere Belastung der privaten Haushalte sowie der Staatskasse machen Reformen unumgänglich. Veränderungen kommen jedoch nur sehr zögerlich voran. In ihrer neuen Studie haben die Ökonomen der Credit Suisse untersucht, wie die aktuelle Gesundheitslandschaft Schweiz auf die künftige Nachfrageentwicklung vorbereitet ist und welche Entwicklungsperspektiven sich dadurch für die Regionen und Gesundheitsdienstleister eröffnen.

 

 

Starkes Wachstum der Beschäftigung in praktisch allen Regionen und Subbranchen

Der Gesundheitssektor gehört zu den bedeutendsten Branchen der Schweizer Wirtschaft überhaupt. Das Gesundheits- und Sozialwesen zählt mehr als 365'000 Vollzeitstellen (davon mehr als 200'000 im Gesundheitswesen im engeren Sinne), verteilt auf nahezu 500'000 Beschäftigte. In den letzten zehn Jahren wurden über 80'000 zusätzliche Vollzeitstellen geschaffen. Das Wachstum ist regional breit abgestützt. Einzig in den Kantonen Appenzell-Innerrhoden und Glarus ist die Beschäftigung im Gesundheitswesen in den letzten zehn Jahren zurückgegangen. Auch bei den verschiedenen Gesundheitsdienstleistern zeigt sich mit Ausnahme der Bereiche Psychotherapie/Psychologie und der Arztpraxen für Allgemeinmedizin durchwegs ein Beschäftigungszuwachs. Auffallend ist, dass der Bereich der Spezialmedizin (Spezialkliniken, Fachärzte) deutlich stärker gewachsen ist als die Allgemeinmedizin. Die Gesundheitsbranche ist dabei sehr heterogen, nicht nur was ihre Struktur anbelangt, sondern ebenso hinsichtlich der Wettbewerbssituation und der Dichte der regulatorischen Vorgaben. Bei Ärzten und nichtärztlichen Medizinalberufen dominieren Mikrobetriebe mit einem bis neun Beschäftigten. Im Bereich der allgemeinen Krankenhäuser sind hingegen mehr als zwei Drittel der Unternehmen (mit 95% der Beschäftigten) Grossbetriebe.

 

 

Verzerrungen in Nachfrage und Angebot ziehen hohe Kosten nach sich

Die Problemfelder im Gesundheitsbereich auf nationaler Ebene sind bekannt. Sowohl nachfrage- als auch angebotsseitig sind die Anreize auf (zu) hohen Konsum respektive (zu) hohe Versorgung ausgerichtet. Die geringe Kostentransparenz, die starke regulatorische Durchdringung sowie die demographische Alterung sorgen für Verzerrungen im Konsum, wachsende Umverteilungen insbesondere zwischen Jung und Alt und vielschichtige Begünstigungen der involvierten Akteure. Der resultierende Kostenanstieg bringt das bestehende System an seine Belastungsgrenzen. Im internationalen Vergleich steht die Schweiz dabei in vielerlei Hinsicht jedoch gut da. Zwar gehören die Ausgaben bevölkerungsgewichtet zu den höchsten überhaupt, in Bezug auf die Ergebnisqualität ist die Schweiz jedoch ebenfalls vorne dabei.

 

 

Gewisse strukturelle Veränderungen sichtbar – weiteres Potenzial für Effizienzsteigerungen

Bei allen Gesundheitsdienstleistern kann in den letzten zehn Jahren eine Tendenz zu grösseren Betrieben festgestellt werden. Die Konzentrationsprozesse sind bei den grossen "Kostenblöcken" (Spitäler, Ärzte) besonders intensiv, was einerseits auf hohe Effizienzgewinne durch Konzentration in diesen Bereichen zurückzuführen ist, andererseits aber durch den starken öffentlichen und politischen Druck getrieben sein dürfte. Die Reform der Spitalfinanzierung und die damit einhergehende Einführung diagnosebezogener Fallpauschalen per 2012 sorgen für zusätzliche Bewegung und wird zu einer Bereinigung der Spitallandschaft führen. Die Managed-Care-Vorlage wiederum dürfte den Wettbewerb der verschiedenen Versorgungsmodelle intensivieren und damit die Tendenz hin zu grösseren Praxen und Ärztenetzwerken zusätzlich verstärken.

 

 

Abnehmende regionale Disparitäten trotz Tendenz zu grösseren Betrieben

Der Gesundheitssektor befindet sich im Spannungsfeld zwischen Konzentration und Spezialisierung auf der einen Seite sowie der Nähe zu Kunden bzw. Patienten auf der anderen Seite. Arbeitsteilungs- und Effizienzüberlegungen wirken dabei oftmals in Richtung Konzentration der Leistungserstellung, während die notwendige Nähe zum Konsumenten und der Versorgungsauftrag der Konzentration entgegen wirken. Die Studie der Credit Suisse zeigt, dass trotz der beobachteten Tendenz zu grösseren Betrieben in der Entwicklung der regionalen Versorgung in den letzten zehn Jahren nur beschränkt Konzentrations- und Spezialisierungsprozesse festzustellen sind. Die bestehende, durch die Konzentration der Nachfrage bedingte Ballung der Gesundheitsdienstleister in den Zentren, hat sich nicht prinzipiell zu Lasten der Randregionen verstärkt. Die regionalen Disparitäten im Verhältnis der Anzahl Beschäftigten zur Anzahl Einwohner nehmen tendenziell ab, nicht so jedoch im Bereich der allgemeinen Krankenhäuser.

 

 

Erhöhung der Anzahl erreichbarer Gesundheitsdienstleister in Randregionen

Bezüglich regionaler Entwicklung der Gesundheitsversorgung zeigt sich teilweise eine überproportionale Erhöhung in den Randregionen und somit eine Angleichung zwischen den Regionen. Diese Erkenntnisse sind angesichts der Befürchtungen einer Unter- respektive Minderversorgung der Randregionen überraschend. Zu vermuten ist, dass diese regionale Ausdehnung der Gesundheitsdienstleister respektive die hohe Versorgung im ländlichen Raum einerseits auf Neupositionierungen zurückzuführen, andererseits aber auch politisch begründet sind – sei es durch den Wunsch, eine ungleiche Versorgung zu vermeiden, oder aber aufgrund von regionalpolitischen Überlegungen. Insbesondere im Bereich der Allgemeinmedizin gibt es kaum ökonomische Vorteile einer überdurchschnittlichen Entwicklung der Randregionen. Inwiefern die räumliche Ausbreitung des Gesundheitswesens für die hohen Kosten des Schweizer Gesundheitswesens mitverantwortlich und die bestehende dezentrale Regulierungs- und Entscheidungsstruktur mit den Bestrebungen zur Kostenreduktion zu vereinbaren ist, bleibt offen.

 

 

Ausblick zeigt Entwicklungspotenzial in den Regionen

Ein Ausblick auf den künftigen Versorgungsbedarf zeigt, dass sich für die verschiedenen Regionen auch in einem stärker wettbewerbsorientierten Markt und bei zunehmender Spezialisierung und Konsolidierung Entwicklungspotenzial ergibt. Dabei liegt – die minimale Grundversorgung ausgenommen – der Schlüssel in einer zunehmenden Spezialisierung und Konzentration von Kompetenzen. In den Wachstumsregionen im Einzugsgebiet der wirtschaftlichen Zentren zeichnet sich infolge ihrer anhaltend hohen Anziehungskraft ein Bedarf im Bereich der medizinischen Grundversorgung ab. In ländlichen Regionen dürfte insbesondere im Bereich der Pflege eine überdurchschnittliche Entwicklung zu verzeichnen sein, denn dort ist heute die Versorgungsdichte eher tief und das erwartete Wachstum des Alterlastkoeffizienten (Anteil der Bevölkerung 65+ zu 20 bis 64-Jährigen) besonders hoch. Entwicklungspotenzial ergibt sich zudem in Nischen wie dem Reha- und Kurbereich oder im erweiterten Gesundheitsbereich mit Schwerpunkt Wohlbefinden und Schönheit.

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