Schweizer Wirtschaft wird Wachstumstempo erhöhen
09.09.11 16:44

09.09.2011  
Die Ökonomen der Credit Suisse sind zuversichtlich, dass die Schweizer Wirtschaft weiterhin expandieren wird. Konkret erwarten sie ein Wachstum von 2 Prozent für 2012. Martin Neff, Leiter Economic Research Schweiz, lokalisiert die Wachstumstreiber und fasst die Zukunftsaussichten zusammen.


Cushla Sherlock: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat eine Wechselkursuntergrenze des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro festgelegt. Hat sie damit genug getan, um die Exportwirtschaft langfristig zu schützen? Wie wird sich die Massnahme auf den Devisenmarkt auswirken?


Martin Neff: Die Chancen, dass die SNB die 1.20 halten kann, sind gut. Erstens klingt die SNB sehr überzeugt und resolut, dass sie die 1.20 auch verteidigen wird. Zweitens herrscht im Markt Konsens, dass die Schweizer Währung selbst bei 1.20 noch überbewertet ist. Drittens tendiert die Inflation in der Schweiz zu Null, was der SNB einen gewissen Spielraum verschafft. Und viertens kann die SNB im Gegensatz zu 2009/10 nun auf eine breite politische Unterstützung zählen. Mit der Kursuntergrenze von 1.20 wäre die massive Überbewertung des Frankens der Vormonate vom Tisch, was den Unternehmen im internationalen Wettbewerb eine Entlastung bringt. Wichtig ist auch das psychologische Element: Die Angst vor der Parität und den vielerorts befürchteten massiven Auswirkungen ebben ab. Die Unternehmen verfügen wieder über eine realistische Planungsgrundlage.


Ist das BIP-Wachstum für 2011 noch auf Kurs, wenn Sie frühere Prognosen anschauen?

Ja. Wir erwarten 2011 ein BIP-Wachstum von 1,9 Prozent. Das ist deutlich weniger als 2010 mit 2,7 Prozent. Es wurde aber nicht damit gerechnet, dass das Wachstumstempo so hoch bleibt. Die Schweiz kann sich nicht vollständig von der globalen Konjunkturabkühlung abkoppeln, umso mehr, als der starke Franken die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz untergräbt. Zudem haben die Turbulenzen an den Finanzmärkten im August die Schweizer Konsumenten und Unternehmen verunsichert.


Wo sehen Sie die wichtigsten Wachstumstreiber für die Schweiz ?

Der private Konsum ist eine solide Stütze für das Wirtschaftswachstum in der Schweiz. Dies wird auch 2012 der Fall sein. Dafür sprechen verschiedene Entwicklungen: Erstens erhöhen die historisch tiefen Zinsen die Kaufkraft. Zweitens fördern niedrige Preise den Konsum. Drittens erhält der Binnenmarkt weiterhin Impulse durch die hohe Nettozuwanderung. Und viertens ist am Arbeitsmarkt in den nächsten zwölf Monaten nicht mit einer Verschlechterung zu rechnen. Auch die Exporte dürften wieder einen grösseren Beitrag leisten, sobald sich die Konjunktur in den Absatzmärkten aufhellt. Voraussetzung dafür ist, dass die Weltwirtschaft nicht zurück in eine Rezession fällt und der Franken etwas an Stärke verliert.


Angesichts des ungünstigen finanziellen Umfelds wird ein Stellenabbau befürchtet. Sie sprechen nun aber von einem positiven Ausblick für den Arbeitsmarkt.

Der Arbeitsmarkt ist grundsätzlich gesund, und die für 2012 prognostizierte Arbeitslosenquote von 2,5 Prozent ist äusserst gering. Es besteht noch immer ein latenter "Nachfrageüberhang", vor allem nach gut ausgebildeten Spezialisten in fast allen Berufssparten. Falls sich die Beschäftigungslage wider Erwarten doch verschlechtern sollte, würden die Folgen durch automatische Stabilisatoren in Form einer gut ausgebauten Arbeitslosenversicherung und Entschädigungen für Kurzarbeit abgefedert. Wir sind jedoch zuversichtlich, dass es diese Massnahmen nicht braucht.


Worin liegen die grössten Risiken für das Wirtschaftswachstum in der Schweiz?

Eine kleine, offene Volkswirtschaft wie die Schweiz kann sich globalen Entwicklungen nicht vollständig entziehen. Falls die Weltwirtschaft wieder in eine Rezession fällt, würde dies die Schweiz mitreissen. Sollte zudem die massive Überbewertung des Schweizer Frankens – wie sie vor der SNB-Intervention zu beobachten war – längerfristig anhalten, wird dies der Exportwirtschaft schaden. Ausserdem könnten weitere Berichte über Krisen im Ausland die Ausgabenfreude der Konsumenten dämpfen.


Wie würden Sie die Wirtschaftsaussichten der Schweiz für die kommenden zwei bis drei Jahre zusammenfassen?

Die Schweiz wird ihre Spitzenposition hinsichtlich Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den europäischen Nachbarländern und andern Industrieländern behaupten. Es wäre natürlich erfreulicher, wenn dafür nicht nur eine im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften weniger düstere Lage verantwortlich wäre, sondern eine grundlegend positive Entwicklung. Die Stärken der Schweiz dürften noch offensichtlicher werden. Sie ist ein sicherer Hafen in einem Ozean von Schulden, auf denen unersättliche Steuerbehörden weltweit als Freibeuter auftreten. Die Schweiz muss sicherstellen, dass sie ihre wirtschaftliche Stellung nicht auf politischer Ebene verspielt. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass um den sicheren Hafen bedrohliche Stürme toben. Die Schweiz ist in der Lage, selbst Monsterwellen zu überstehen, ein globaler Finanz-Tsunami würde aber auch an ihrem Ufer verheerende Schäden anrichten.


Quelle:
Credit Suisse
Cushla Sherlock, Corporate Communications

 
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