Droht dem Automobilmarkt ein Einbruch?
09.12.11 23:19

Branchenanalyse des Kreditversicherers Euler Hermes

- Der globale Automobilmarkt wuchs im Jahr 2011 um 4-5%, wobei diese positive Entwicklung, wenn auch verlangsamt, auch im Jahr 2012 anhalten dürfte.

- Die Nachfrage der Entwicklungsländer, Wachstumstreiber der Automobilindustrie in den Jahren 2009-2010, schwächte sich im Jahr 2011 ab und dürfte auch im Jahr 2012 weiter nachlassen.

- In den Industrieländern hat der Automobilmarkt noch längst nicht das Niveau erreicht, das noch vor Ausbruch der Krise in den Jahren 2008-2009 herrschte, vor allem in Europa gibt es noch erhebliche Überkapazitäten.

- Als wesentliche Herausforderungen für Automobilhersteller gelten die Anpassungsfähigkeit ihrer Produkte für die Wachstumsmärkte sowie die Bereitschaft zum Eingehen von Partnerschaften in den Bereichen Produktinnovationen und Produktion.


Die weltweite Automobilbranche erlitt in den Jahren 2008-2009 eine beispiellose Krise, im Zuge derer die Produktion um 15,5% auf 61,8 Mio. Fahrzeuge absackte. Als Reaktion auf den im Jahr 2009 eingetretenen freien Fall wurden in vielen Ländern Förderprogramme und sonstige Anreize zur Ankurbelung des Automobilverkaufs eingeführt, so dass sich der Markt im Jahr 2010 mit einem Anstieg von 26% stark erholen konnte. „Der Weltmarkt lief im Jahr 2011 bei einem Jahreswachstum von 5% und einer Produktion von annähernd 82 Mio. Fahrzeugen wieder richtig rund,“ so Wilfried Verstraete, Vorsitzender des Konzernvorstands der Euler Hermes. „In den Entwicklungsländern scheint die Nachfrage im Automobilmarkt etwas nachzulassen, so dass wir nunmehr davon ausgehen, dass das Wachstum 2012 im besten Fall bei 5% stabil bleibt.


Produktion: Neue Märkte die ausschliesslichen Wachstumstreiber

Die Automobilproduktion ist in den letzten fünf Jahren weltweit um 11% gestiegen. In diesem Zeitraum haben sich Europa (-11%), Nordamerika (-22%) und Japan (-34%) jedoch stark unterdurchschnittlich entwickelt. Vielmehr sorgten die Entwicklungsländer, allen voran China, das ein Wachstum von 123% aufwies, für das Branchenwachstum. In Lateinamerika stieg die Nachfrage aufgrund des steigenden BIP pro Kopf und des niedrigen Motorisierungsgrades,1 so dass die dortige Automobilbranche um 24% wachsen konnte. In Asien wurde trotz des aussergewöhnlichen Rückgangs des japanischen Markts ein Wachstum von 40% verzeichnet.

Die Automobilhersteller konnten sich angesichts des Einbruchs einiger der reiferen Automobilmärkte teilweise anpassen. Ein Beispiel sind die USA, in denen die Branche nach der weitreichenden Umstrukturierung der Produktionsanlagen wieder Gewinne erwirtschaftet. In den Jahren zwischen 2000 und 2009 wurde die Mitarbeiterzahl sowohl bei den Automobilherstellern als auch bei den Zulieferern aufgrund der zurückgegangenen Produktion um die Hälfte reduziert.

Die Lage in Europa ist differenzierter zu betrachten: Nur in Deutschland ist es gelungen, das vor Ausbruch der Krise herrschende Produktionsniveau wieder zu erreichen, während die Produktionsvolumen in den Ländern Spanien, Frankreich und Italien gegenüber dem Stand 2007 um 20% bzw. 36% bzw. 38% geschrumpft sind. Diese drei Märkte litten an den Folgen der Nachfrageabschwächung. Hinzu kommt jedoch im Falle von Frankreich und Italien auch die Produktionsverlagerung in kostengünstigere Regionen. In Japan, wo sich im Jahr 2011 das verheerende Erdbeben und der Tsunami ereigneten, ist die Erholung der Automobilbranche noch schwächer als in Europa. Die Wettbewerbsfähigkeit des Landes hat durch die starke Aufwertung des Yen gegenüber dem Euro stark gelitten.

Gleichzeitig bleiben die koreanischen Automobilhersteller von der Krise jedoch scheinbar völlig verschont und gewinnen auch weiterhin Marktanteile, so dass sie bereits im Jahr 2010 einen Anteil von 7,5% zur Weltproduktion (2005: 4,6%) beitrugen.


Automobilindustrie: Bedeutung für die Schweizer Wirtschaft

Obwohl es in der Schweiz, abgesehen von einigen Spezialfahrzeugherstellern, keine Autoproduktion mehr gibt, nimmt diese Industrie auch für die Schweizer Volkswirtschaft eine bedeutende Rolle ein. Die Schweiz wird in der Welt der Automobilindustrie durch namhafte Konzerne in der Zuliefererbranche wie Georg Fischer, Autoneum (ehem. Rieter), Feintool oder Dätwyler vertreten. Die meisten grösseren Konzerne haben schon seit langem ihre Produktion zum Grossteil in unsere Nachbarländer verlagert. Zweifelsohne spielt für diese Verlagerung der Kostenfaktor eine Rolle (Lohnkosten, Währungsvorteile), aber auch die Nähe zu den Produzenten ist entscheidend für die geographische Diversifikation.

Nicht zu unterschätzen ist zudem die Branche der Autoimporteure. 2010 wurden 294’239 Personenneufahrzeuge in der Schweiz abgesetzt. Es dominieren stets die grossen Importeure, namentlich Emil Frey und AMAG mit einem geschätzten Markanteil von 40%. Doch nicht nur der Autohandel ist ein wichtiger Arbeitgeber, sondern auch die damit verbundenen Wirtschaftszweige wie die Garagisten und der Ersatzteilhandel. Das Schweizer Autogewerbe umfasst über 5'000 Garagen und annähernd 40'000 Mitarbeitende. Gemäss Auto Gewerbe Verband Schweiz wird der jährliche Umsatz im gesamten Autogewerbe auf 30 Mrd. CHF geschätzt. Zudem schätzt man, dass in der Schweiz jeder achte Arbeitsplatz direkt oder indirekt vom Auto abhängt.


Automobil-Neuanmeldungen: Nach den durch Anreizprogramme ausgelösten Steigerungen ist jetzt mit einer Stabilisierung zu rechnen


Nach zwei positiven Jahren zeigt sich der chinesische Markt bei einer Wachstumsprognose für den Zeitraum 2011-2012 von „lediglich“ 4-5% etwas schwächer. Das Potenzial dieses Marktes, in dem der Motorisierungsgrad (5%) gerade einmal einem Zwölftel des europäischen Werts (60%) entspricht, steht jedoch nach wie vor ausser Frage.

In Indien, dem zweiten wichtigen Entwicklungsland, schrumpfte der Markt im Jahr 2011 im Zuge der Zinsentwicklung, die schwindelerregende Höhen erreichte, sowie des Misserfolges des ultrabilligen Autos, sollte sich jedoch im Jahr 2012 stabilisieren können. Das Land weist trotzdem auch weiterhin ein sehr grosses langfristiges Potenzial auf.

Der brasilianische Markt stabilisiert sich auch in den Jahren 2011-2012 (2012: +2%) aufgrund der steigenden Preise für Importautos, die stark versteuert werden, sowie der steigenden Zinsen. Der russische Markt profitierte 2011 weiterhin von einem Abwrackprämienprogramm; das Wachstum dürfte jedoch 2012 ganz versiegen (0%).

Nach dem starken Einbruch der Jahre 2008 bis 2010 erholt sich der US-Markt seitdem im Rahmen von Ersatzbeschaffungsmassnahmen und dürfte 2012 um 8 - 10% wachsen.

Nach dem katastrophalen Jahr 2011, in dem der Markt um 15% einbrach, entsteht 2012 in Japan eine technische Erholung (8%). Es handelt sich hierbei jedoch nur um eine vorübergehende Verbesserung, da der japanische Markt langfristig strukturell schrumpft und in absehbarer Zeit kaum in der Lage sein dürfte, das Niveau, das vor Ausbruch der Krise herrschte, wieder zu erlangen.


Steht die europäische Automobilindustrie vor dem Auseinanderbrechen?

Das Automobil-Absatzvolumen ging 2011 auch weiterhin in Europa, besonders in Südeuropa, zurück. „Der europäische Automobilmarkt befindet sich leider noch weit unter dem Niveau, das vor Ausbruch der Krise erreicht wurde, und zwar um mindestens noch 15%“, sagt Ludovic Subran, Chefvolkswirt bei Euler Hermes. „Die wirtschaftliche Realität hat den Markt inzwischen eingeholt. Da die Anreizmassnahmen nunmehr ausgelaufen sind und Sparbemühungen an ihre Stelle treten, wird die Automobilbranche weiterhin in einer schwierigen Lage bleiben und dürfte nächstes Jahr um weitere 3 bis 5% schrumpfen.“

„Sehr unterschiedliche Trends zeichnen sich allmählich innerhalb Europas ab,“ sagte er weiter. Die Märkte in Grossbritannien, Italien und Spanien liegen immer noch 20 bis 50% unter dem Niveau, das vor Ausbruch der Krise erreicht worden war, wobei eine Erholung im Jahr 2012 eher unwahrscheinlich ist. Bei für das Jahr 2012 erwarteten Motorfahrzeug-Neuanmeldungen von 3,1 Mio. (-1,5% ggü. 2011) stabilisiert sich hingegen der deutsche Markt annähernd bei dem Wert, der 2008 verzeichnet wurde.

Der französische Markt profitiert weiterhin von verschiedenen Massnahmen zur Ankurbelung des Motorfahrzeug-Verkaufs. „Es herrschen schwierige Marktbedingungen,“ sagt jedoch Yann Lacroix, Leiter Branchenanalyse bei Euler Hermes. „Wir beobachten zurzeit einen starken Bestellrückgang, der im Jahr 2012 das Wachstum um 10% nach unten drücken dürfte, so dass Frankreich den schwersten Einbruch Europas erleben wird. Mit 2,2% erreicht die Profitabilität der französischen Autohersteller darüber hinaus gerade einmal ein Drittel des deutschen Werts.“

Als Fazit bleibt daher festzuhalten, dass durch die Krise der Jahre 2008 und 2009 die Verlagerung der Autoproduktion in die Entwicklungsländer an Dynamik gewonnen hat. Diese Märkte werden 2011-2012 weiterhin für Wachstum sorgen, obwohl auch sie Anzeichen einer Wachstumsverlangsamung aufweisen. „Die Automobilhersteller stehen vor mehreren Herausforderungen. Zum einen müssen sie ihre Angebote und Sortimente den neuen Anforderungen der Entwicklungsländer anpassen. Zum anderen sind sie gezwungen, die Gründung von Industriepartnerschaften in den Bereichen Produktinnovation sowie Produktion zu forcieren, um ihre Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu sichern. Ein Beispiel hierfür sind die unbedingt erforderlichen Investitionen zur Entwicklung eines gewinnträchtigen „grünen“ Autos“, resümiert Wilfried Verstraete.



1Motorisierungsgrad: Anzahl der Kraftfahrzeuge je 1.000 Einwohner.


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Die Euler Hermes Gruppe ist Weltmarktführer im Kreditversicherungsgeschäft und eine der führenden Gesellschaften in den Bereichen Inkasso und Kautionsversicherung. Mit mehr als 6000 Mitarbeitern in über 50 Ländern bietet Euler Hermes ein komplettes Spektrum an Dienstleistungen für das Forderungsmanagement an. Der Umsatz 2010 betrug 2,15 Mrd. Euro.

Die Euler Hermes Gruppe analysiert die Bonität von über 40 Millionen Unternehmen und versicherte Ende Dezember 2010 weltweit Transaktionen im Wert von 633 Mrd. Euro.

Euler Hermes, Tochtergesellschaft der Allianz, ist an Euronext Paris notiert und erhielt von Standard & Poor’s das Rating AA-.

Euler Hermes Schweiz beschäftigt über 50 Mitarbeitende an ihrem Hauptsitz in Zürich und den weiteren Standorten in Lausanne und Lugano. www.eulerhermes.ch

 
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