Der Konsument im Jahr 2012
24.01.12 16:09


Unsere Umfrage zeigt, dass das Vertrauen der Konsumenten in den Schwellenländern nach wie vor relativ hoch ist. Von den knapp über 14'000 Erwachsenen, die an unserer Umfrage in acht Ländern teilnahmen, erwarten 35 Prozent in den nächsten sechs Monaten eine Verbesserung ihrer persönlichen finanziellen Situation; 9 Prozent rechnen mit einer leichten Verschlechterung. Bedingt durch eine höhere Inflation und schwächeres Wachstum, ist das Konsumentenvertrauen jedoch geringer als im Vorjahr.

Am optimistischsten in Bezug auf die finanzielle Entwicklung sind die Konsumenten in Brasilien, Indien und China. In Brasilien erwarten 58 Prozent der Befragten, dass sich ihre persönliche finanzielle Situation in den nächsten sechs Monaten verbessert. Die russischen Konsumenten sind unter den BRIC-Ländern am pessimistischsten. Am unteren Ende der Skala liegen Ägypten und die Türkei. Hier ist der Pessimismus in Bezug auf die finanzielle Entwicklung am grössten. Trotz der radikalen Veränderung der politischen Lage bleiben die ägyptischen Konsumenten unter den Teilnehmern unserer Umfrage am pessimistischsten: 25 Prozent erwarten, dass sich ihre persönliche finanzielle Lage in den nächsten sechs Monaten verschlechtert, 24 Prozent rechnen mit einer leichten Verbesserung. In der Türkei sieht es nicht viel besser aus: 12 Prozent der Befragten rechnen mit einer Verschlechterung ihrer persönlichen finanziellen Situation gegenüber 16 Prozent, die eine Verbesserung erwarten.


Vergleicht man die aggregierten Ergebnisse der jüngsten Umfrage mit den Ergebnissen aus dem Vorjahr, besteht kein Zweifel, dass die Konsumenten im Durchschnitt weniger optimistisch sind. In Brasilien ist der Anteil der Konsumenten, die eher eine Verbesserung als eine Verschlechterung ihrer finanziellen Situation in den nächsten sechs Monaten erwarten, von 59 Prozent im Jahr 2010 auf 53 Prozent im Jahr 2011 gesunken. In China ist der Wert von 39 Prozent auf 31 Prozent gefallen und in Indien von 40 Prozent auf 36 Prozent. Nur in zwei Ländern hat sich die Stimmung verbessert: In Indonesien erwarten unter dem Strich jetzt 31 Prozent, dass sich ihre persönliche finanzielle Situation in den nächsten sechs Monaten verbessert, gegenüber 28 Prozent im Vorjahr. Auch in Ägypten sind die Konsumenten wesentlich optimistischer als im letzten Jahr, hier war der Ausgangswert aber sehr niedrig und der Optimismus ist, absolut betrachtet, nach wie vor sehr gering.
 

Prozentsatz der Befragten im Jahr 2011, die eine Verbesserung bzw. geringere Verschlechterung ihres Haushaltseinkommens erwarten, gegenüber den Erwartungen im Jahr 2010.

 

Zweifache Begründung für den insgesamt gesunkenen Optimismus

 1. Im Durchschnitt sind die Lohnerwartungen im Vergleich zum Vorjahr gedämpfter. In der jüngsten Umfrage sind die Lohnerwartungen für die nächsten zwölf Monate gegenüber der letztjährigen Umfrage in Brasilien deutlich und in China leicht gesunken. In Ägypten sind sie zwar leicht gestiegen, wie bei den meisten Indikatoren für Ägypten aber ausgehend von einem sehr geringen Vorjahreswert. Das einzige Land mit erheblich gestiegenen Lohnerwartungen ist Saudi-Arabien. Grund dafür sind vermutlich die Ausweitung der Sozialprogramme und die Anhebung des Mindestlohns infolge der politischen Umwälzungen in anderen Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens. Dieser gestiegene Optimismus bleibt jedoch ein Leuchtfleck auf dem sonst eher trüben Bild, das die Konsumenten im Durchschnitt zeichnen.
 

2. Auch der Anstieg der Lebensmittelpreise hat die Konsumentenstimmung spürbar gedrückt. Vergleicht man den Anteil der Ausgaben für Lebensmittel mit dem Optimismus im Hinblick auf die Entwicklung der persönlichen finanziellen Situation, ergibt sich ein klares Muster. Die am wenigsten optimistischen Konsumenten (in Ägypten) wenden über 40 Prozent ihres Gesamteinkommens für Lebensmittel auf, die optimistischsten (in Brasilien) geben im Verhältnis den geringsten Anteil für Lebensmittel aus. Die Lebensmittelinflation hat sich also eindeutig negativ auf die Konsumentenstimmung ausgewirkt. In welchem Umfang die Lebensmittelpreise zuletzt in den aufstrebenden Volkswirtschaften gestiegen sind, zeigt die Abbildung 4. Unserer Berechnung nach lag die jährliche Inflationsrate für Lebensmittel in den Schwellenländern (in den 12 Monaten bis September 2011) bei 6,6 Prozent – nach bereits 8,0 Prozent im Vorjahr. Damit lag die Lebensmittelinflation in den letzten zwei Jahren deutlich über dem 10-Jahres-Durchschnitt von nur 4,5 Prozent.


Wie geht es weiter?

Die konjunkturelle Dynamik dürfte sich weiter abschwächen. Angesichts ihres mit 35 Prozent relativ hohen Exportanteils am Bruttoinlandsprodukt (BIP) werden die aufstrebenden Volkswirtschaften unweigerlich die konjunkturelle Abschwächung in wichtigen Industrieländern zu spüren bekommen. Auch wenn die Schwellenländer im vergangenen Jahrzehnt beständig höhere durchschnittliche Wachstumsraten in der Industrieproduktion erzielten, können sie sich nicht von der Entwicklung in den Industrieländern abkoppeln.


Die Einkaufsmanagerindizes (PMI) deuteten zuletzt übereinstimmend auf einen gewissen Rückgang in der Industrieproduktion bzw. im verarbeitenden Gewerbe der G4- und der BRIC-Länder in den kommenden Monaten hin. Es besteht also die Gefahr, dass die nominellen Lohnerwartungen in unseren Umfrageländern im nächsten Jahr weiter sinken und das Vertrauen belasten. Die gute Nachricht ist, dass das Inflationsszenario in den nächsten Monaten voraussichtlich eine deutlich stabilisierendere Wirkung entfalten wird. Nach unseren Beobachtungen folgt die Lebensmittelinflation in den Schwellenländern erkennbar der Preisentwicklung für Agrarrohstoffe (gemessen am CRB Foodstuffs Index). Da der CRB Index seit Anfang 2011 bereits um 5 Prozent gefallen ist, rechen wir für die nächsten sechs Monate mit negativen jährlichen Veränderungsraten gegenüber den sehr hohen Ausgangswerten im 1. Halbjahr 2011. Dadurch dürfte die durchschnittliche Inflationsrate für Lebensmittel in den Schwellenländern auf ein niedriges Niveau fallen – etwa 0 Prozent bis 1 Prozent im 1. Halbjahr 2012.


Konjunktureller Gegenwind bremst Anstieg der Ermessensausgaben

Die zentrale strukturelle Frage, die den Ausblick für die Schwellenländer bestimmt, ist, wie die Einkommensentwicklung und die demografischen Faktoren die Zusammensetzung der Konsumentenausgaben in diesen Volkswirtschaften in den kommenden Jahren verändern könnten. Aller Voraussicht nach werden sich die Konsumentenausgaben, die sich zuvor stark auf den Grundbedarf konzentrierten, wie in den Industrieländern zu einem wachsenden Anteil auf höherwertige Güter verlagern. Nach diesem Muster lief die Entwicklung in den Industrieländern im letzten Jahrhundert typischerweise ab.


Das aggregierte Pro-Kopf-BIP nach Kaufkraftparität (KKP) der Schwellenländer liegt heute bei 7'600 US-Dollar. Prognosen des IWF zufolge dürfte es über die nächsten fünf Jahre auf 10'100 US-Dollar steigen. Ähnliche Niveauveränderungen ihres BIP pro Kopf erlebten die Vereinigten Staaten, Frankreich und Japan in den 1930er, 1950er bzw. 1960er Jahren. Blickt man zurück auf die Veränderung der jeweiligen Ausgabenstruktur in diesen Übergangsphasen, wird deutlich, dass die Ausgaben für höherwertige Güter wesentlich stärker stiegen als die Ausgaben für den Grundbedarf. Es zeigt sich, dass die mengenmässige Nachfrage nach "lebensnotwendigen Gütern" (wie Nahrungsmittel und Getränke, Wasser und Strom) im Durchschnitt zwar weiter gewachsen ist, aber nicht so stark wie die Ausgaben für höherwertige Güter. Die Nachfrage nach sogenannten «nützlichen Gütern» (wie Transport, Bildung, Finanzdienstleistungen oder Gesundheitsleistungen) reagierte deutlich empfindlicher auf das steigende Einkommensniveau.


Wir stellen fest, dass der starke Anstieg der Haushaltsnachfrage nach Kommunikationsleistungen weitgehend den technologischen Wandel zu dieser Zeit sowie den spürbaren Preisrückgang mit zunehmender Verbreitung der Technologie widerspiegelt. Tatsächlich hat der massive Rückgang der Kommunikationskosten dazu geführt, dass die Struktur der Nachfrage nach einfachen Mobilfunkleistungen heute weitgehend der Nachfrage nach anderen grundlegenden Versorgungsleistungen entspricht. Die Daten der letztjährigen Umfrage bestätigten eine ähnliche Struktur der Konsumentenausgaben in allen aufstrebenden Volkswirtschaften. Auch in den Daten der diesjährigen Umfrage sind diese Trends noch klar erkennbar. Die Nachfrage nach niedrigpreisigen Gütern des Grundbedarfs (wie Fleisch oder Mobiltelefone) steigt rapide ab einem sehr geringen Einkommensniveau; oberhalb eines monatlichen Haushaltseinkommens von rund 1'000 US-Dollar (KKP-bereinigt) stagniert sie aber tendenziell zugunsten von höherwertigen Konsumgütern. Dieser langfristige strukturelle Trend in den aufstrebenden Volkswirtschaften zu vermehrten Konsumausgaben im gehobenen Sektor ist im Verlauf des letzten Jahres aber generell ins Stocken geraten, da die nachlassende Konjunktur und der starke Anstieg der Lebensmittelpreise sich negativ auf das Konsumentenvertrauen auswirkten.

Vergleicht man den Anstieg der Ausgabenquoten für eine Reihe von Waren und Dienstleistungen zwischen den Jahren 2010 und 2011, so bestätigt sich, dass der Konsum zahlreicher Güter im gehobenen Sektor im Verlauf des Jahres zurückgegangen ist. Die Abbildungen verdeutlichen anhand der aggregierten Umfrageergebnisse aus allen Ländern, wie sich der Konsum oder Besitz verschiedener Arten von Waren und Dienstleistungen in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr verändert hat.

 

 

Es zeigt sich, dass die Konsumenten im Schnitt im Verlauf des letzten Jahres ihre Ausgaben für folgende Güter gekürzt haben:


Sportschuhe und Mode – diese Sektoren hatten am stärksten unter der Eintrübung der Konsumentenstimmung und den im Durchschnitt höheren Lebensmittelpreisen zu leiden. In beiden Kategorien ist die Nachfrage in allen untersuchten Ländern stark gesunken, selbst in Saudi-Arabien, wo die Verbraucherstimmung noch relativ gut zu sein scheint.

Private Gesundheitsversorgung – vier der sieben Länder (für die wir die jüngsten Daten mit den Vorjahresdaten vergleichen können) verzeichneten einen Rückgang in der Zahl der Haushalte, die Mittel für die private Gesundheitsversorgung aufwandten. Theoretisch könnte dies schlicht auf eine Verbesserung der staatlichen Gesundheitsversorgung hinweisen. Da die detaillierten Daten aber einen besonders auffallenden Rückgang in den untersten Einkommensgruppen belegen, wurden die Gesundheitsausgaben in der Praxis wohl eher eingespart, um die hohen Kosten für Lebensmittel auszugleichen.

Immobilieneigentum – auch hier war insgesamt ein Rückgang gegenüber dem Vorjahr zu beobachten. Auf Länderebene zeigen die Daten, dass der Immobilienbesitz in China und Russland in etwa gleich blieb, in Indien und Brasilien aber leicht sank. In Ägypten ging der Immobilienbesitz gegenüber dem Vorjahr erheblich zurück, was als klares Zeichen des aktuellen wirtschaftlichen Umbruchs in diesem Land zu werten ist.


 Gleichzeitig nahm die Verbreitung der folgenden Produkte und Dienstleistungen im Durchschnitt zu:

Mobiltelefone – hier ist die Zunahme vor allem auf das Wachstum in den einkommensschwächeren Märkten zurückzuführen (Indien, Ägypten, Indonesien und Brasilien). Das grösste Wachstumspotenzial besteht weiterhin in Indonesien (29 Prozent der Befragten haben noch kein Mobiltelefon), gefolgt von Ägypten (15 Prozent) und der Türkei (11 Prozent).

Smartphones – bei dem High-End-Gegenstück zum einfachen Mobiltelefon nahm die Verbreitung vor allem in den einkommensstärkeren Märkten zu. Saudi-Arabien führt mit einer Ausstattungsquote von 68 Prozent die Liste an (ein Zuwachs um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Aber auch in Brasilien und China sind Smartphones laut der Umfrage beliebt.

Computer und Internetzugang – auch hier war eine starke Zunahme der Verbreitung im Jahresverlauf zu verzeichnen. Interessanterweise war aber nicht China der Wachstumstreiber (weil Computer und Internetzugang dort bereits stark verbreitet sind). Den stärksten Zuwachs über das vergangene Jahr verzeichneten vielmehr Brasilien und Saudi-Arabien.

Kosmetika – hier scheint die Nachfrage im vergangenen Jahr leicht zugelegt zu haben. Eine genauere Analyse der Daten zeigt, dass für diesen Trend vor allem die unteren Einkommensgruppen in Brasilien verantwortlich sind. Sie folgen damit dem gängigen Ausgabenverhalten der höheren Einkommensgruppen in Brasilien. Das Land insgesamt verzeichnet mit die höchsten Konsumquoten für Kosmetika und Hautpflege (86 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten drei Monaten derartige Produkte gekauft zu haben) – im Gegensatz zu China, wo die Konsumquoten mit am niedrigsten sind (nur 43 Prozent der befragten Chinesen gaben an, im gleichen Zeitraum Kosmetika gekauft zu haben).


Bildung – in sechs von sieben Ländern gab in diesem Jahr ein höherer Anteil der Befragten als im Vorjahr an, Geld für private Bildungsleistungen ausgegeben zu haben. Die einzige Ausnahme bildete Ägypten, wo die wirtschaftlichen Störungen ganz offensichtlich das normale Leben beeinträchtigten. Abgesehen von Ägypten ist es jedoch bemerkenswert, dass der Bildungsbereich so durchgängig in allen Märkten wächst, obwohl sie sich in Bezug auf die Konsumentenpräferenzen in vielen anderen Bereichen stark unterscheiden. Zudem hat Bildung in einem Jahr an Priorität gewonnen, das aus konjunktureller Sicht alles andere als förderlich hierfür war. Die Geschichte liefert überzeugende Belege dafür, dass diese Strategie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit wirtschaftlich auszahlt und langfristig zu einem deutlich höheren BIP pro Kopf führt. Es besteht also guter Grund zu der Annahme, dass die Schwellenländer auch weiter ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum erzielen werden.



Quelle: Credit Suisse
Mary Curtis, Investment Banking Securities
Richard Kersley, Investment Banking Securities
Mujtaba Rana, Investment Banking Securities

 
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