|
Eine neue Weltordnung ist im Entstehen begriffen. Diese mächtige Entwicklung wird zahlreiche positive wie auch negative Überraschungen bereithalten. Dr. Burkhard P. Varnholt, Chief Investment Officer der Bank Sarasin & Cie AG, untersucht in der aktuellen Ausgabe von "Standpunkte" jene nicht-linearen, in Verbindung zueinander stehenden wirtschaftlichen, politischen, demografischen und wissenschaftlichen Kräfte, die das grösste historische Thema unserer Zeit bestimmen. Eines der wichtigsten Themen der entstehenden Weltordnung ist das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung und des nachhaltigen Investierens: Diesen Trend zu nutzen, wird eine der besten Anlageentscheidungen des Jahres 2012 sein.
Für die im Entstehen begriffene Weltordnung lassen sich mindestens fünf zentrale Treiber ausmachen: i) das explosive Bevölkerungswachstum, ii) die Veränderungen der demografischen Muster und der öffentlichen Gesundheit in den Industrienationen (immer ältere Bevölkerung mit niedrigem Wachstum) und den Schwellenländern (junge und gesunde Bevölkerung mit moderaten Wachstum), iii) die beschleunigten technologischen und wissenschaftlichen Innovationen, iv) die zunehmende Ressourcenknappheit bzw. der zunehmende Ressourcenabbau und v) eine beispiellose Konnektivität. Radikale Veränderungen in diesen historischen Dimensionen vollziehen sich nicht reibungslos. Knappe Ressourcen, neue Mitbewerber und das Streben nach politischem Einfluss werden zunehmend für Konfliktstoff sorgen. Die im Entstehen begriffene Weltordnung wird Anleger, die ihre Kaufkraft bewahren möchten, vor Herausforderungen stellen, da sämtliche Anlageklassen – Liquidität, Aktien, Immobilien und Rohstoffe – betroffen sind.
Ressourcenknappheit forciert Innovationen bei gleichzeitig weiter steigenden Rohstoffpreisen
Engpässe bei Ressourcen wie Energie, Kraftstoffe und Wasser werden Forschungen und Innovationen anregen, die letztendlich unsere Abhängigkeit von fossiler Energie verringern werden. Diese globalen Herausforderungen können nur durch nachhaltige Lösungen gemeistert werden. Anleger sollten daher einen Bogen um Unternehmen machen, welche die Umweltrisiken bei ihren Aktivitäten nicht ernst genug nehmen und bei den entsprechenden Ausgaben sparen. Besonders belohnt werden hingegen Unternehmen, welche die Ressourcenknappheit als nachhaltige Geschäftsgelegenheit nutzen können. Vor diesem Hintergrund sollten sich Anleger auf Preissteigerungen bei nahezu allen knappen Rohstoffen einstellen. Innerhalb von fünf Jahren dürfte sich der Wert eines diversifizierten Korbes mit knappen Rohstoffen in den meisten Währungen auf nominaler Basis verdoppeln.
Dr. Burkhard P. Varnholt, Chief Investment Officer der Bank Sarasin & Cie AG
"Anleger stellen mir oft die Frage, ob das jetzige Jahrzehnt China, Indien oder Brasilien gehören wird. Meine Antwort lautet, dass in diesem Jahrzehnt der Macht von Ideen grössere Bedeutung zukommt als der Macht einzelner Länder. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung kommt in jeder Ecke des Globus zum Tragen. Der Auf- oder Abstieg eines Unternehmens oder Landes hängt davon ab, ob die Idee der Nachhaltigkeit von den Mitarbeitenden bzw. Einwohnern verstanden und angenommen wird – sei es auf politischer, sozialer oder unternehmerischer Ebene."
Demokratie verliert ihren Glanz – liberaler Pluralismus im Aufwind
Die globale Anlegergemeinschaft neigt dazu, das Thema der sich verändernden Weltordnung (zu stark) zu vereinfachen. Dies zeigen Formulierungen wie "die aufstrebenden BRIC-Länder" oder "der Aufstieg des Ostens und der Abstieg des Westens". Diese Floskeln finden zwar teilweise Anklang, können aber auch äusserst irreführend sein. Infolge einer kurzsichtigen Politik, der Macht von Interessensgruppen und des allgemeinen Verlusts der Fiskaldisziplin hat das westliche Modell der parlamentarischen Demokratie viel von seinem Glanz verloren. Viele der aufstrebenden Länder sind auf der Suche nach einem neuen politischen Modell: In einigen Ländern kommt es zu zivilen Aufständen, in anderen wird lediglich mehr persönliche und unternehmerische Freiheit gefordert. Diese Staaten werden versuchen, einige der Schwächen des Westens zu umgehen. Derzeit scheint der liberale Pluralismus im Aufwind. Er könnte sich in Asien, Afrika und möglicherweise sogar in Russland durchsetzen. Viele sehen ihn als geeignetere Grundlage für eine nachhaltigere Regierungspolitik an. Gleichzeitig werden sich die westlichen Demokratien um eine Wiederherstellung der fiskalischen Nachhaltigkeit bemühen.
Neue Weltordnung erfordert nachhaltige Analysen
In seiner einfachsten Form lässt sich nachhaltiges Verhalten in drei Dimensionen beschreiben – die zuweilen als "Triple Bottom-Line" bezeichnet werden: die wirtschaftliche, die soziale und die Umweltdimension. Eine schnell wachsende Anzahl an Unternehmen und Ländern steht vor einem strukturellen Wendepunkt in einer oder allen drei dieser Dimensionen. Kein Unternehmen und keine Regierung ist reich genug, um die Risiken eines nicht auf Nachhaltigkeit ausgerichteten geschäftlichen oder politischen Modells zu ignorieren. Kein Staat und kein Unternehmen kann dauerhaft über seine wirtschaftlichen Verhältnisse leben. Sie können die sozialen Auswirkungen ihrer Handlungsweisen nicht ausser Acht lassen, denn die Gesellschaft ist mittlerweile zu gross und zu stark verbunden. Auch können sie es sich nicht leisten, die Umweltrisiken nicht ernst zu nehmen. Die logische Konsequenz ist die Entwicklung eines holistischeren Rahmens für eine nachhaltige Investment-Analyse. Eine nachhaltige Investment-Analyse war selten wichtiger als jetzt.
Langfristige Konsequenzen für Anleger
Erstens ist eine nachhaltige Investment-Analyse die einzige Methode, um Anlagen mit höheren Bewertungen ausfindig zu machen. Das Entstehen einer neuen Weltordnung zwingt die Anleger zu einer deutlich kritischeren Betrachtung von Unternehmen, die sich nicht auf Nachhaltigkeit ausrichten. Die grössere Bevölkerung, die integrierteren Finanzmärkte, die grössere Abhängigkeit von begrenzten Ressourcen und die höhere Konnektivität reduzieren die globale Risikotoleranz auf verschiedenen Wegen. Dies schlägt sich unmittelbar in niedrigeren Bewertungen nieder. In den letzten zehn Jahren hat sich der Wert eines globalen, nachhaltigen Aktienportfolios verdoppelt, während der MSCI World Index stagnierte. Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftsmodellen sind üblicherweise höher bewertet und sehen sich somit niedrigeren Kapitalkosten ausgesetzt.
Zweitens scheint jedoch der derzeitige Pessimismus bezüglich des Zustands der Weltwirtschaft deutlich übertrieben und fehl am Platz zu sein. Anleger sollten viel grösseres Vertrauen in die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der immer zahlreicher werdenden freien und aufstrebenden Volkswirtschaften entwickeln. Selbst die heutigen beängstigenden Ressourcenengpässe werden neue Denkweisen, neue Technologien und neue Prozesse hervorbringen. Anleger sollten sich diesen Wandel im Zuge des Entstehens einer neuen Weltordnung zu Nutzen machen, um aus den zahlreichen Themen, die diesem Megatrend zugrunde liegen, das Beste zu machen.
|